Die Alte Löwen-Apotheke: Ein Haus mit Geschichte

Auf den Spuren des Alten Löwen: Ein Spaziergang durch die Jahrhunderte.

 

Das Jahr 1782 in Wien: Unruhige Zeiten kündigen sich an. Soeben hat England die Unabhängigkeit seiner ehemaligen Kolonie, die sich jetzt die "Vereinigten Staaten von Amerika" nennt, anerkannt. Beunruhigt blickt man nach Frankreich, wo der Überschwang der Aufklärung in eine Revolution umzuschlagen droht.

Um sich zu entspannen, besucht man abends das Burgtheater, wo die neueste Oper eines jungen und hochtalentierten Komponisten — Mozarts "Entführung aus dem Serail" — uraufgeführt wird.

In diesem Jahr 1782 gründete ein gewisser Mathias Moser die Alte Löwen-Apotheke. „Alt“ hieß sie damals freilich noch nicht, und sie befand sich auch noch nicht an ihrem jetzigen Standort, sondern im Haus gegenüber.


Die Apotheke an ihrem alten Standort
Die Apotheke mit der unauffälligen Fassade wurde einige Jahrzehnte später regelrecht berühmt, als sie 1816 als das erste Haus in Wien im Licht einer Gasbeleuchtung erstrahlte. Der damalige Besitzer Josef Moser, Sohn des Gründers, hatte das, was man einen regen und erfinderischen Geist nennt: ganz im Geist seiner Zeit, als chemische Forschung und Wissenschaft nicht an den Universitäten, sondern vor allem in den gut ausgestatteten Laboratorien der Apotheken betrieben wurde, war auch er berühmt für seine Experimente und Erfindungen.

Von seinen ausgedehnten Studienreisen, die ihn durch ganz Europa führten, brachte der innovative Apotheker allerlei moderne Erkenntnisse mit, die ihm etliche Patente einbrachten. Seine ganz neue Methode, Licht zu erzeugen, lockte sogar seine Majestät Kaiser Franz Josef zur Besichtigung in die Löwen-Apotheke.

Auch an Kunstsinn mangelte es Moser nicht, für die Fassade ließ er keinen Geringeren als Ferdinand Waldmüller vier lebensgroße Gemälde anfertigen: Sie zeigen Hygiea, die griechische Göttin der Gesundheit; Flora, die römische Göttin der Blüte und des Frühlings; und die antiken Ärzte Hippokrates und Galen. Heute sind diese Werke leider nicht mehr in der Apotheke, sondern in der Galerie im Belvedere zu bewundern…

Die damalige Arbeit in der Apotheke unterschied sich natürlich stark von der heutigen. Der Apotheker und seine Gehilfen hatten alle Hände voll zu tun, Arzneien herzustellen. Bekleidet mit schwarzen Arbeitsmänteln verbrachten sie die meiste Zeit damit, getrocknete Pflanzenteile, mineralische Substanzen, aber auch tierische und menschliche Präparate zu Arzneien zu verarbeiten. Die riesigen steinernen Reibschalen, die man manchmal noch zu sehen bekommt, und der Destillierofen, mit dem Extrakte hergestellt und konzentriert wurden, waren ihre wichtigsten Werkzeuge.


Die Destille war das wichtigste Arbeitsgerät des Apothekers
Noch im 18. Jahrhundert wurden auch allerlei Produkte menschlichen Ursprungs verwendet, die heute wohl unverkäuflich wären: ein Destillat aus Menschenhaaren, mit Honig vermischt, das — auf kahle Stellen aufgetragen — den Haarwuchs fördern sollte; pulverisierte Finger- und Zehennägel als Brechmittel; ein Präparat aus Speichel zur Heilung von Tierbissen, Ohrenschmalz gegen Koliken, Muttermilch gegen die Schwindsucht…

Sogar Leichenteile wurden verwendet, wie Haut, Fett, Knochen und Hirn — dies aber nur von „einem jungen, vigourösen, eines gewaltsamen Todes ganz neulich gestorbenen, noch unbegrabenen Menschen“, wie es in einen Arzneibuch der Zeit heißt.

Dass mit derlei Behandlungen oft mehr Schaden als Nutzen angerichtet wurde, lässt sich leicht vermuten, auch wenn ein Werk des deutschen Arztes C.F. Paullini mit dem Titel „Heylsame Drecks-Apotheke: wie mit Koth und Urin die meisten Krankheiten und Schäden glücklich geheilt werden“ noch bis in das Jahr 1847 nachgedruckt wurde.

Die Universitätsausbildung für Apotheker mit dem Abschluss als „Magister der Pharmazie“ wurde in Österreich 1804 verpflichtend eingeführt. Frauen wurde der Zugang zum Studium aber erst im Jahre 1900 ermöglicht. Bis heute stieg ihr Anteil an Studierenden allerdings auf über 75% an!

Die technischen und medizinischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts brachten einen Wandel in der gesamten Heilkunde. Zwar setzte man immer noch auf die Reinigung der „kranken Körpersäfte“ durch Purgieren, Aderlass und Schröpfen.


Der Fingerhut
(digitalis purpurea)
Aber es wurden auch immer mehr Wirkstoffe gefunden und in immer genauerer Dosierung verabreicht. An den Apothekern lag es nun, Methoden zu entwickeln, um diese Substanzen zu verarbeiten. Wirkstoffe wurden mit geeigneten Trägersubstanzen zu Salben verrührt, Extrakte zu Pillen gedreht, Zäpfchen gepresst und sogar mit Zuckerguss überzogene Tabletten (Vorläufer unserer Dragees) hergestellt.

Diese Entwicklung lässt sich an einer der wichtigsten Heilpflanzen nachvollziehen: dem Fingerhut (lat. digitalis). Ein Tee aus seinen höchst giftigen Blättern (von denen wenige Gramm tödlich sind) wurde schon im Mittelalter im angelsächsischen Raum als Mittel gegen die „Wassersucht“ (Ödeme der Gliedmaßen) verwendet.

Eine höchst gefährliche Kur, wenn man weiß, wie eng hier heilsame und tödliche Dosis beisammen liegen! Im Jahr 1785 — unsere Apotheke war gerade drei Jahre alt — wurde die harntreibende Wirkung des Fingerhuts von William Withering bewiesen und eine genaue Dosierung des auf den Wirkstoff eingestellten, in seiner Wirkung geprüften Pulvers empfohlen.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die herzstärkende Wirksamkeit der Digitalis-Glykoside entdeckt, standardisierte Tinkturen konnten hergestellt und genau dosierte Pillen verordnet werden. Noch heute sind diese Substanzen, aufs Hunderttausendstel Gramm genau dosiert, in gebräuchlichen Dragees gegen chronische Herzinsuffizienz enthalten.


Die Apotheke zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Im Jahr 1886 übernimmt die Familie Trnkoczy die Alte Löwen-Apotheke. Das Wappen dieser alt-ungarischen Adelsfamilie ist noch heute in unserer Offizin zu sehen und ihr Name ziert die Fassade der Apotheke, die für 108 Jahre in ihrem Besitz bleiben wird. Berühmt wird die Apotheke in dieser Zeit besonders durch ihre zahlreichen Eigen-anfertigungen, etwa „Trnkoczy’s Eisenwein“ oder den Likör „Grandol“, der die höchsten kaiserlich-königlichen Auszeichnungen erhielt.

Auf einer Urkunde aus dem Jahr 1898, die sich heute noch in der Apotheke befindet, liest sich das so:

„Unter dem Allerhöchsten Protektorate Ihrer Majestät, der Kaiserin und Königin Elisabeth –– II. Internationale Kochkunst Ausstellung in Wien –– Die Jury hat über einstimmigen Beschluss Herrn Julius Trnkoczy Edlen von Zazskall, Apothekenbesitzer in Wien, für LIQUEUR GRANDOL die Goldene Medaille zuerkannt.“

Noch heute verkaufen wir Trnkoczy’s Gesichts- und Rasierwasser sowie seine schmerzstillende Einreibung, die nach den altehrwürdigen Rezepturen hergestellt werden.

Noch heute werden Anfertigungen nach alter Rezeptur hergestellt...

...auch die Etiketten sind den Originalenwürfen nachempfunden.

Im Jahr 1911 wurde die Apotheke an ihren heutigen Standort verlegt. Das 20. Jahrhundert bringt einen großen Wandel für den Apothekerberuf mit sich. Viele neu entdeckte Substanzen, wie das Insulin (1922), das Penicillin (1928) und in der Folge viele andere Antibiotika, oder das Cortisol (1950), um nur einige zu nennen, sind ausschließlich durch aufwendige technisch-industrielle Erzeugung herstellbar und können nicht mehr in der Apotheke angefertigt werden.

Die Tätigkeit des Apothekers verlagert sich daher mehr in Richtung einer kontrollierten Abgabe von Fertigarzneien. Daneben werden aber auch heute noch viele auf den Patienten maßgeschneiderte Zubereitungen in der Apotheke hergestellt. Ein Mitglied unseres Teams ist ständig mit der Anfertigung dieser sogenannten magistralen Rezepturen beschäftigt.

Zu Beginn müssen die Ausgangsstoffe auf Identität und Reinheit überprüft werden. Dann können aus diversen Wirkstoffen, edlen Pflanzenölen und anderen Grundlagen spezielle Salben gerührt, Augentropfen unter Einhaltung strengster Sauberkeitsvorschriften hergestellt und Teedrogen (das Wort „Droge“ hat in der Apotheke keinen negativen Beigeschmack!) in individueller Mischung abgefüllt werden.

Dabei können wir aus einem Lagerbestand von mehr als 160 Teesorten auswählen. Für die homöopathische Medikation stehen uns sogar über 3.000 verschiedene Ausgangspotenzen zur Verfügung!

Vor genau zehn Jahren, 1994, übernahm Frau Mag.pharm. Irmtraude Kampelmühler die Alte Löwen-Apotheke. Mit ihr hat vor allem die Homöopathie wieder einen hohen Stellenwert in unserer Apotheke bekommen. Daneben hat sie sich um die behutsame Renovierung der Fassade und der Offizin, aber auch um die Modernisierung der Lagerhaltung durch Einführung der EDV verdient gemacht.


Die Offizin nach dem Umbau
Das Wichtigste aber bleiben die Kunden und ihre Zufriedenheit. Darum ist unsere Apotheke auch durchgehend für Sie geöffnet und wird allgemein als ein Ort empfunden, an dem freundschaftliche Atmosphäre, kompetente Beratung und ein vertrauensvoller Umgang miteinander erlebt werden. So wird die Alte Löwen-Apotheke zu dem, was sie sein soll: ein Gesundheitszentrum in der Josefstadt, das man nicht nur im Krankheitsfall aufsucht, sondern auch, um gesund zu bleiben und sich wohl zu fühlen.

- Kristina Taubald -

 

 

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